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Artikel aus BUNTE Nr. 36 vom 30.08.2001  

Der Blick in den eigenen Körper. Man sieht alles!
SENSATIONELLE HIGHTECHMEDIZIN. Der Arzt kann jetzt per Computer in Herz, Gehirn oder Halsschlagader spazieren gehen und nach Krankheiten fahnden. Völlig schmerzfrei für die Patienten.

Die Reise ins Ich " - so hieß ein Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1987.- Ein Mini-U-Boot saust durch menschliche Arterien und Nervenstränge, erkundet den Körper von innen. Was im Film noch Utopie war, kann die Hightechmedizin jetzt tatsächlich: Mit hochmoderner Schichtröntgen und Computertechnik kann man durch den Körper reisen - ohne Instrumente, Katheter oder Kameras einzuführen. Wie kann der Arzt Blutgefäße, Herz, Lunge und Darm präzise per Superrechner untersuchen? BUNTE sprach mit dem Münchner Arzt Dr. Bernd Dörflinger, Spezialist für virtuelle Endoskopie.

Heute kann der Arzt In den Körper blicken, In Organe und Gefäße tauchen - ohne Schnitt ohne Sonde, ohne Irgendein Instrument. Was steckt hinter dieser sensationellen Methode?
Dieses Verfahren heißt virtuelle Endoskopie. Bei der herkömmlichen Endoskopie, wie zum Beispiel einem Herzkatheter oder einer Darmspiegelung, führt der Arzt ein Instrument mit einer winzig kleinen Kamera an der Spitze in das zu untersuchende Organ ein. Die Aufnahmen vor Ort werden auf einen Bildschirm übertragen. Bei der virtueflen Endoskopie sieht der Arzt ohne ein Instrument ins Körperinnere. Der Computer simuliert die Untersuchung. Sanfter geht es nicht.
Wie funktioniert das?
Ein hochmoderner und ultraschneller Spiral-Computertomograf (UCT) liefert Informationen aus dem Innern des Körpers, wie man sie bislang noch nicht kannte - nämlich dreidimensional. Der Computer entwickelt aus diesen Daten dann ein räumliches Bild.
Als würde man, wie im Film, mit einem Mini-U-Boot durch den Körper fahren?
Genau. Der Arzt kann sich ein Organ so anschauen, als würde er selbst drinnen sitzen oder hindurchfahren. Der Patient liegt im UCT und dieser erfasst exakt den Bauplan des Körpers, kopiert ihn sozusagen. Mit diesen Daten entwickelt der Computer ein absolut identisches Abbild, egal ob von Gehirn, Lunge, Herz, oder Darm.
Kann der Arzt so auch Blutgefäße inspizieren?
Natürlich. Wenn zum Beispiel auf herkömmliche Weise die Halsschlagader (Carotis) auf Kalkablagerungen untersucht wird, spritzt der Arzt dem Patienten zuerst ein Kontrastmittel und schiebt ihm dann einen Katheter von der Leiste bis hoch zum Hals. Die virtuelle Endoskopie kommt ohne diesen Katheter aus. Der Patient liegt nur einige Minuten im UCT. Der Computer projiziert alles auf den Bildschirm und der Arzt kann quasi durch das Blutgefäß fahren und nach gefährlichen Ablagerungen zu fahnden.
Ist diese neue Technik denn schon ausreichend erprobt?
Ja. Weltweit gibt es viele tausend Untersuchungen. Wir selbst haben bereits über tausend durchgeführt.
Welche Ärzte oder Krankenhäuser bieten dieses Verfahren an?
Es ist noch auf wenige Praxen und Kliniken beschränkt. Die Nachbearbeitung im Computer erfordert einen großen zeitlichen und technischen Aufwand, den man noch scheut. Die Charité in Berlin und das Klinikum Ulm zum Beispiel führen schon die virtuelle Koloskopie (Darmspiegelung) durch, aber nur an ihren stationären Patienten. Wir machen diese Untersuchung ambulant.
Und warum gibt es dieses Verfahren erst jetzt?

Der Patient muss im Computertornografen die Luft anhalten. Bislang waren die Geräte zu langsam. Man hätte für eine virtuelle Endoskopie fast fünf Minuten den Atem stoppen müssen. Das ist unmöglich. Seit es diesen superschnellen UCT gibt, braucht der Patient nur wenige Sekunden den Atem anzuhalten.
Kann man alle Organe auf diese sanfte Weise untersuchen?
Die virtuelle Endoskopie funktioniert bei allen Hohlräumen im Körper, die mit Luft oder Flüssigkeit gefüllt sind. Also auch die Gallen- und Harnblase, die Nebenhöhlen oder das Innenohr kann man beispielsweise virtuell untersuchen.
Nur eines kann sie nicht - einen entdeckten Schaden gleich beheben.
Tia, es handelt sich um ein Diagnoseinstrument. Es spürt nur krankhafte Veränderungen wie Ablagerungen, Tumoren und Polypen auf Wenn beispielsweise Polypen vorhanden sind, erspart sie die herkömmliche Darmspiegelung zur Entfernung der Polypen nicht.
Wann macht die virtuelle Endoskopie wirklich Sinn?
Im Krankenhaus kann man damit eine komplizierte Operation vorbereiten. Aber ich sehe vor allem in der Krebsvorsorge zwei Hauptgebiete: den Darm und den Raucher-Check. Die virtuelle Endoskopie ermöglicht heute eine perfekte Vorsorgeuntersuchung auf sanfteste Art. Lungenkrebs ist die häufigste Krebsart bei Männern, Darmkrebs ist die zweithäufigste bei Männern und Frauen.
Und ab wann sollte man diese Vorsorgeuntersuchungen machen?
jeder ab 45 Jahren sollte alle zwei Jahre einen Darm-Check durchfuhren. Und für Raucher über 40 Jahre empfehle ich einen jährlichen Raucher-Check. Wie die TCV-Untersuchung oder die jährliche Inspektion beim Auto, sollte auch eine regelmäßige Körperkontrolle selbstverständlich sein. Darm und Lungenkrebs haben große Heilungschancen, wenn man sie frühzeitig entdeckt. Das ist mit der virtuellen Endoskopie problemlos möglich.
Warum reicht der Darm-Check alle zwei Jahre?
Dieses Karzinom wächst sehr langsam. Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebstodesursache in Deutschland bei Männern und Frauen. jährlich erkranken ca. 35 von 100000 Personen an Darmkrebs, Tendenz steigend. Das Risiko einer bösartigen Erkrankung des Dickdarms wächst, wenn bereits Polypen im Dickdarm bestehen. Diese können durch eine virtuelle Darmspiegelung entdeckt werden.
Wie geht die Untersuchung vor sich?
Für einen Darm-Check braucht man freie Sicht. Der Patient trinkt am Tag vor der Untersuchung zu Hause eine gut verträgliche Trinklösung zur Darmreinigung. Am nächsten Tag in der Praxis wird kurz vor der virtuellen Koloskopie der Darm mit etwas Luft gefällt, um die Darmwände bei der Untersuchung zu entfalten. Dann legt sich der Patient in den ultraschnellen Spiral-Computertomografen und wird 20 Sekunden geröntgt. Eine vergleichbare Untersuchung im Kernspintomografen würde 30 Minuten dauern. Beim Röntgen hält der Patient kurz den Atem an - das war's. Alles ist absolut schmerzfrei.
Warum sollten Raucher ihre Lunge jedes Jahr untersuchen lassen?
Die Gefahr für Raucher, an Lungenkrebs zu sterben, ist 40-mal so groß wie bei Nichtrauchern. Das Karzinom in der Lunge wächst schneller als das im Darm. Und Lungenkrebs wird fast immer zu spät erkannt. Es gibt kein sicheres Frühzeichen. Husten, Atemprobleme und Brustschmerz können, müssen aber nicht auftreten. Da Lungenkrebs sehr schlecht heilbar ist, leben nur etwa zehn Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen nach der Diagnose über einen Zeitraum von fünf Jahren hinaus. Je früher man den Krebs entdeckt, umso höher die Heilungschance.
Wie geht der Raucher-Check vor sich?
Da die Lunge bereits mit Luft gefiillt ist, braucht es keine Vorbereitung wie bei einem Darm-Check. Der Brustraum wird im UCT 20 Sekunden geröntgt. In der Fachsprache heißt das virtuelle Bronchoskopie. Hat der Computer die Baudaten der Lunge und Bronchien verwertet, kann der Arzt auf dem Bildschirm durch alle Teile in der Brust reisen und nach Veränderungen suchen.
Und was ist mit Früherkennung von Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall?
Auch alle Adern können virtuell kontrolliert werden, Der Arzt kann selbst ins winzigste Gefäß im Bein, im Herz oder im Gehirn hineingehen. Jede Verengung durch Kalkablagerungen, jeden Thrombus, der den Blutfluss behindert, genauso wie ein Aneurysma aufspüren. Das sind kugelartige Ausbuchtungen der Arterien. Wenn eine solche ausgedehnte Gefäßwand zum Beispiel im Gehirn reißt, kommt es zu lebensgefährlichen Blutungen.
Wie schnell verarbeitet der Computer die Daten, die der UCT liefert?
Der Arzt hat spätestens 24 Stunden nach der Untersuchung das Ergebnis. Der Patient bekommt den Befund und alle Bilder auf einer CD-ROM oder einer Videokassette und kann sich zu Hause in aller Ruhe ebenfalls seinen Körper von innen ansehen.
Was kostet eine solche Untersuchung?
Eine Darmuntersuchung ca. 850 Mark und der Lungen-Check ca. 790 Mark. Private Kassen übernehmen die Kosten, gesetzliche leider noch nicht. Wir arbeiten aber daran.

 Blicke nach Innen
Ultraschall Sanfte Wellen können mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume im Körper wie Gebärmutter oder Gallenblase schemenhaft sichtbar machen
Kernspintemografie Ungefährliche Magnetfelder und Hochfrequenzsignale liefern detailierte Schnittbilder vom Gehirn, Rückenmark, Bauchraum, von Gelenken und Wirbelsäule, aber nicht von Knochen
Röntgen Diese Durchleuchtung des Körpers zeigt gut Knochen, Zähne und deren Zustand. Wegen der Strahlenbelastung sollte nur, wenn unbedingt nötig, geröntgt werden
Mammografie Die Röntgenuntersuchung der weiblichen Brust kann Knoten nachweisen, die man noch nicht ertasten kann
Die Kamerapille spürt Krankheitsherde
im Körper auf.
Szintigrafie Eine ungefährliche radioaktive Substanz wird in die Armvene gespritzt. Eine Kamera fängt die Ministrahlung im Körper auf und leitet sie an einen PC weiter. Auf dem Bildschirm kann man Aussehen und Funktion von Schilddrüse, Gehirn, Herz, Nieren, Lunge, Knochen und
Gelenken gut beurteilen
Minikamerapille Neu in den USA ist eine Minikamera zum Schlucken. Sie macht auf ihrer Reise durch Magen und Darm exzellente Fotos
Interview: Nadja Haas - Bunte Nr. 36 / 2001 - www.bunte.de

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