Radiologische Praxisgemeinschaft
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Artikel aus Intermezzo 01/2002  

Entspannt liegt der Patient auf einer Kunststoffmatratze, fährt langsam in den Tunnel. Einmal tief einatmen, 20 Sekunden die Luft anhalten - fertig.

Kurze Zeit später erscheinen Organe, Adern und Gewebe gestochen scharf, dreidimensional und farbig auf dem Monitor. Mit ein paar Mausklicks dreht der Arzt das 3-D-Bild, kann es von allen Seiten betrachten. Wie ein Chirurg kann der Röntgenarzt Schicht für Schicht tiefer in den Körper eindringen. Plötzlich werden winzige Details sichtbar, die mit herkömmlicher Röntgen oder Ultraschalltechnik nicht oder nur schwer zu erkennen waren. Knochen und Muskeln, die den Blick versperren, werden einfach weggeklickt und ausgeblendet. Der Arzt sieht alles wie im 3-D-Kino. Willkommen auf der phantastischen Reise durch das Innere unseres Körpers. Willkommen im neuen Jahrtausend der Diagnose-Medizin.

Schon immer träumten Ärzte davon, in den Menschen hineinschauen zu können, ohne ihn zu belasten oder zu verletzen. In München ist der gläserne Patient jetzt Wirklichkeit geworden. "Modeme Kliniken und Röntgenzentren arbeiten heute mit neuen Computer- und Kernspintomographen, mit Hochleistungsrechnern und 3-D-Programmen", sagt der Münchner Röntgenarzt Dr. Bernd Dörflinger (56). "Sie können in Sekunden Millionen von Daten aus dem Körper verarbeiten und zu plastischen Bildern umsetzen. Mit einer einzigen Röntgenaufnahme speichert beispielsweise der ultraschnelle Spiral-Computertomograph alle Details aus Brustkorb oder Bauchraum. Daraus konstruieren wir plastische Bilder von Gefäßen, Herz, Lunge, Niere oder Darm. Wie mit einem U-Boot können wir jetzt virtuell, also künstlich, in die Organe und Adern hineinfahren und sie auch von innen betrachten. Das ist auch noch Jahre nach der Untersuchung möglich, die Daten werden ja gespeichert. Das eröffnet völlig neue Diagnosemöglichkeiten."
Der Patient profitiert davon gleich mehrfach. "Die Dosis der Röntgenstrahlung ist dank neuer Verstärkerfolien etwa ein Drittel geringer als früher", sagt Dr. Dörflinger. "Erneute Röntgenuntersuchungen, wie sie früher häufig vorkamen, werden oft überflüssig. Patienten und Ärzte erhalten die Bil
der auf kleinen CD-Scheiben, die sich in jedem Computer betrachten lassen."

In den Operationssälen der Kliniken findet nahezu kein Eingriff
mehr ohne CT- oder Kernspinaufnahmen statt. Computertomographen arbeiten mit einer Röntgenröhre, die sich um den Patienten dreht. Sie zeigen in ihren Schichtaufnahmen Knochen und festere Strukturen besonders scharf. Die Kernspintechnik verwendet Magnetfelder statt Röntgenstrahlen, erstellt Super-Schnittbilder aller Weichteile. Die ganz neuen PET-Detektoren machen Funktionen und Stoffwechsel im Gewebe sichtbar, können zwischen gut und bösartigen Tumoren unterscheiden.

Dr. Dörflinger: "Durch die 3D-Darstellung erkennen wir, ob irgendwo ein Knochen oder etwas anderes auf ein Gefäß drückt und Beschwerden auslöst." Bei den CT-Diagnosen erhalten die Patienten vorher ein Kontrastmittel gespritzt. Die Kosten für Kernspin- und CT-Untersuchungen übernehmen die Kassen in der Regel. Oft kommen Patienten zur modernen Vorsorgeuntersuchung. Denn die künstliche Lungen und Darmspiegelung, der Herz-Check oder die Ganzkörper-Krebs-Untersuchung mit der modernen Positronen-Emissions-Tomographie (PET) sind schonend und können schon kleinste Tumore im Anfangsstadium mit hoher Trefferquote entdecken oder ein erhöhtes Herzinfarktrisiko erkennen. Leider übernehmen die Kassen die Kosten für diese Vorsorgeuntersuchungen noch nicht.


Neue Vorsorge ohne Schlauch

Wirtschaftswissenschaftler Dr. Klaus Volker Beck (57) aus München ist ein vorsichtiger Mann. Gerade war er bei der Krebsvorsorge. Der Arzt sagte: "Alles in Ordnung. Aber ich empfehle Ihnen noch eine Darmspiegelung, rein zur Vorsicht."
Die hatte Klaus Volker Beck schon mal vor 15 Jahren machen lassen, wegen drückender Schmerzen im Bauch. "Das Einführen des Schlauches war damals äußerst unangenehm und schmerzhaft", erinnert er sich. "Das wollte ich nicht noch mal über mich ergehen lassen."
Trotzdem machte sich Herr Beck Sorgen. Da war ein Kollege im Büro, nur vier Jahre älter. Vor kurzem fand er etwas Blut im Stuhl, ging zum Arzt. Der schickte ihn sofort zur Darmspiegelung.- Ergebnis: Krebs, bösartig, Lebensgefahr. Dr. Beck: "Der Kollege wurde gleich am nächsten Tag operiert. Die Chirurgen entfernten ihm ein 30 Zentimeter langes Stück aus dem Dickdarm, konnten den Mann gerade noch retten. Hätte er die Darmuntersuchung drei Jahre früher gemacht, wäre ihm diese schwere Operation auf Leben und Tod erspart geblieben." Was tun? Die Ärzte haben ja Recht, wenn sie ihren Patienten über 50 eine vorsorgliche Darmspiegelung empfehlen.
Oder sogar schon früher, wenn in der Familie Darmkrebs aufgetreten ist oder andere Risikofaktoren vorliegen. Für alle, die vor der unangenehmen Untersuchung zurückschrecken, gibt es jetzt endlich eine Lösung: Die künstliche Darmspiegelung ohne Schlauch, nur mit Computertomographie. Sie ist absolut schmerzlos.
Der Münchner Röntgenfacharzt Dr. Bernd Dörflinger, der die künstliche Darmspiegelung durchfuhrt, erklärt: "Bei der konventionellen Darmspiegelung muss das Endoskop sehr weit in das Darminnere eingeführt werden, um eine Diagnose stellen zu können.
Für Patienten erscheint diese Prozedur meist langwierig und sehr unangenehm. In den meisten Fällen sind sogar stark beruhigende Medikamente nötig. Bei der virtuellen Koloskopie müssen dagegen keine Instrumente in den Körper eingebracht werden. Die Bilder des Organinneren werden nicht durch direkte Beobachtung mit dem Endoskop gewonnen, sondern durch Computerprogramme berechnet."
Für eine virtuelle Koloskopie benötigt man detailreiche zweidimensionale Bilder. Das Bildmaterial wird entweder mit einem ultraschnellen Spiral-Computertomographen oder einem sehr schnellen,
hochauflösenden Kernspintomographen aufgenommen. Ein spezielles computergestütztes Verfahren, das 3-D-Volume-Rendering, wandelt das Rohmaterial in dreidimensionale Bilddaten um. Das Ergebnis: völlig neue Einblicke in das Darminnere mit höchster Aussagekraft. Der gesamte Dickdarm liegt als dreidimensionales Bildmaterial vor. Der Arzt kann sich so via Monitor auf eine simulierte Fahrt direkt durch den Dickdarm begeben. Das Risiko, an einer bösartigen Erkrankung des Dickdarms zu erkranken, steigt immens, wenn bereits Polypen im Dickdarm bestehen. In klinischen Studien konnten 96 Prozent aller Kolonpolypen mit einer Größe von mehr als zehn Millimetern durch eine virtuelle Koloskopie nachgewiesen werden. 
So war es auch bei Dr. Beck: "Ich musste nur ein Abführmittel nehmen. Am nächsten Tag kam ich in die Röhre. Der Computer machte meinen Darin von innen sichtbar, untersuchte ihn wie in einem Flugsimulator und entdeckte tatsächlich zwei kleine Polypen. Die ließ ich mir dann gezielt entfernen. Denn solche Polypen können später zu Krebs entarten." Übrigens ist die künstliche
Darmspiegelung nicht die einzige neue Untersuchungstechnik der modernen Radiologie. Auch das Herz und die Lunge lassen sich auf ähnliche Weise darstellen.
Bei der künstlichen Lungenspiegelung entdeckt man beginnende Tumore schon im Frühstadium, bevor sie auf einem Röntgenbild sichtbar werden. Das ermöglicht oft eine rechtzeitige Operation. Besonders für Raucher ist diese Methode gut geeignet, sie wird daher bereits als "Raucher-Check" bezeichnet. Auch Herzkatheter-Untersuchungen kann man heute durch Computertomographie ersetzen. Dr. Dörflinger: "Damit machen wir kleinste Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen sichtbar. Sie sind Warnzeichen für ein erhöhtes Infarktrisiko."

aus Intermezzo Ausgabe 09/2000


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