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Entspannt liegt der Patient auf
einer Kunststoffmatratze, fährt langsam in den Tunnel. Einmal tief einatmen, 20
Sekunden die Luft anhalten - fertig.
Kurze Zeit später erscheinen
Organe, Adern und Gewebe gestochen scharf, dreidimensional und farbig auf dem
Monitor. Mit ein paar Mausklicks dreht der Arzt das 3-D-Bild, kann es von allen
Seiten betrachten. Wie ein Chirurg kann der Röntgenarzt Schicht für Schicht
tiefer in den Körper eindringen. Plötzlich werden winzige Details sichtbar, die
mit herkömmlicher Röntgen oder Ultraschalltechnik nicht oder nur schwer zu
erkennen waren. Knochen und Muskeln, die den Blick versperren, werden einfach
weggeklickt und ausgeblendet. Der Arzt sieht alles wie im 3-D-Kino. Willkommen auf
der phantastischen Reise durch das Innere unseres Körpers. Willkommen im neuen
Jahrtausend der Diagnose-Medizin.

Schon immer träumten Ärzte davon, in den Menschen hineinschauen zu können, ohne
ihn zu belasten oder zu verletzen. In München ist der gläserne Patient jetzt
Wirklichkeit geworden. "Modeme Kliniken und Röntgenzentren arbeiten heute
mit neuen Computer- und Kernspintomographen, mit Hochleistungsrechnern und
3-D-Programmen", sagt der Münchner Röntgenarzt Dr. Bernd Dörflinger (56).
"Sie können in Sekunden Millionen von Daten aus dem Körper verarbeiten und
zu plastischen Bildern umsetzen. Mit einer einzigen Röntgenaufnahme speichert
beispielsweise der ultraschnelle Spiral-Computertomograph alle Details aus
Brustkorb oder Bauchraum. Daraus konstruieren wir plastische Bilder von Gefäßen,
Herz, Lunge, Niere oder Darm. Wie mit einem U-Boot können wir jetzt virtuell,
also künstlich, in die Organe und Adern hineinfahren und sie auch von innen
betrachten. Das ist auch noch Jahre nach der Untersuchung möglich, die Daten
werden ja gespeichert. Das eröffnet völlig neue Diagnosemöglichkeiten."
Der Patient profitiert davon gleich mehrfach. "Die Dosis der
Röntgenstrahlung ist dank neuer Verstärkerfolien etwa ein Drittel geringer als
früher", sagt Dr. Dörflinger. "Erneute Röntgenuntersuchungen, wie sie
früher häufig vorkamen, werden oft überflüssig. Patienten und Ärzte erhalten
die Bilder auf kleinen CD-Scheiben, die sich in
jedem Computer betrachten lassen."
In den Operationssälen der Kliniken findet nahezu kein Eingriff mehr
ohne CT- oder Kernspinaufnahmen statt. Computertomographen arbeiten mit einer
Röntgenröhre, die sich um den Patienten dreht. Sie zeigen in ihren Schichtaufnahmen
Knochen und festere Strukturen besonders scharf. Die Kernspintechnik verwendet
Magnetfelder statt Röntgenstrahlen, erstellt Super-Schnittbilder aller
Weichteile. Die ganz neuen PET-Detektoren machen Funktionen und Stoffwechsel
im Gewebe sichtbar, können zwischen gut und bösartigen Tumoren unterscheiden.
Dr. Dörflinger: "Durch die
3D-Darstellung erkennen wir, ob irgendwo ein Knochen oder etwas anderes auf ein
Gefäß drückt und Beschwerden auslöst." Bei den CT-Diagnosen erhalten die
Patienten vorher ein Kontrastmittel gespritzt. Die Kosten für Kernspin- und
CT-Untersuchungen überneh men die
Kassen in der Regel. Oft kommen Patienten zur modernen Vorsorgeuntersuchung. Denn
die künstliche Lungen und Darmspiegelung, der Herz-Check oder die
Ganzkörper-Krebs-Untersuchung mit der modernen Positronen-Emissions-Tomographie
(PET) sind schonend und können schon kleinste Tumore im Anfangsstadium mit hoher
Trefferquote entdecken oder ein erhöhtes Herzinfarktrisiko erkennen. Leider
übernehmen die Kassen die Kosten für diese Vorsorgeuntersuchungen noch nicht.



Neue Vorsorge ohne Schlauch
Wirtschaftswissenschaftler Dr. Klaus Volker Beck
(57) aus München ist ein vorsichtiger Mann. Gerade war er bei der Krebsvorsorge.
Der Arzt sagte: "Alles in Ordnung. Aber ich empfehle Ihnen noch eine
Darmspiegelung, rein zur Vorsicht."
Die hatte Klaus Volker Beck schon mal vor 15 Jahren machen lassen, wegen
drückender Schmerzen im Bauch. "Das Einführen des Schlauches war damals
äußerst unangenehm und schmerzhaft", erinnert er sich. "Das wollte ich
nicht noch mal über mich ergehen lassen."
Trotzdem machte sich Herr Beck Sorgen. Da war ein Kollege im Büro, nur vier Jahre
älter. Vor kurzem fand er etwas Blut im Stuhl, ging zum Arzt. Der schickte ihn
sofort zur Darmspiegelung.- Ergebnis: Krebs, bösartig, Lebensgefahr. Dr. Beck:
"Der Kollege wurde gleich am nächsten Tag operiert. Die Chirurgen entfernten
ihm ein 30 Zentimeter langes Stück aus dem Dickdarm, konnten den Mann gerade noch
retten. Hätte er die Darmuntersuchung drei Jahre früher gemacht, wäre ihm diese
schwere Operation auf Leben und Tod erspart geblieben." Was tun? Die Ärzte
haben ja Recht, wenn sie ihren Patienten über 50 eine vorsorgliche Darmspiegelung
empfehlen.
Oder sogar schon früher, wenn in der Familie Darmkrebs aufgetreten ist oder
andere Risikofaktoren vorliegen. Für alle, die vor der unangenehmen Untersuchung
zurückschrecken, gibt es jetzt endlich eine Lösung: Die künstliche Darmspiegelung
ohne Schlauch, nur mit Computertomographie. Sie ist
absolut schmerzlos.
Der Münchner Röntgenfacharzt Dr. Bernd Dörflinger, der die künstliche Darmspiegelung
durchfuhrt, erklärt: "Bei der konventionellen Darmspiegelung muss das
Endoskop sehr weit in das Darminnere eingeführt werden, um eine Diagnose stellen
zu können.
Für Patienten erscheint diese Prozedur meist langwierig und sehr unangenehm. In
den meisten Fällen sind sogar stark beruhigende Medikamente nötig. Bei der
virtuellen Koloskopie müssen dagegen keine Instrumente in den Körper eingebracht
werden. Die Bilder des Organinneren werden nicht durch direkte Beobachtung mit dem
Endoskop gewonnen, sondern durch Computerprogramme berechnet."
Für eine virtuelle Koloskopie benötigt man detailreiche zweidimensionale Bilder.
Das Bildmaterial wird entweder mit einem ultraschnellen Spiral-Computertomographen
oder einem sehr schnellen, hochauflösenden
Kernspintomographen aufgenommen.
Ein spezielles computergestütztes Verfahren, das 3-D-Volume-Rendering, wandelt
das Rohmaterial in dreidimensionale Bilddaten um. Das Ergebnis: völlig neue
Einblicke in das Darminnere mit höchster Aussagekraft. Der gesamte Dickdarm liegt
als dreidimensionales Bildmaterial vor. Der Arzt kann sich so via Monitor auf eine
simulierte Fahrt direkt durch den Dickdarm begeben. Das Risiko, an einer
bösartigen Erkrankung des Dickdarms zu erkranken, steigt immens, wenn bereits
Polypen im Dickdarm bestehen. In klinischen Studien
konnten 96 Prozent aller Kolonpolypen mit einer Größe von mehr als zehn
Millimetern durch eine virtuelle Koloskopie nachgewiesen werden.
So war es auch bei Dr. Beck: "Ich musste nur ein Abführmittel nehmen. Am
nächsten Tag kam ich in die Röhre. Der Computer machte meinen Darin von innen
sichtbar, untersuchte ihn wie in einem Flugsimulator und entdeckte tatsächlich
zwei kleine Polypen. Die ließ ich mir dann gezielt entfernen. Denn solche Polypen
können später zu Krebs entarten." Übrigens ist die künstliche Darmspiegelung
nicht die einzige neue Untersuchungstechnik der modernen Radiologie. Auch das Herz
und die Lunge lassen sich auf ähnliche Weise darstellen.
Bei der künstlichen Lungenspiegelung entdeckt man beginnende Tumore schon im
Frühstadium, bevor sie auf einem Röntgenbild sichtbar werden. Das ermöglicht
oft eine rechtzeitige Operation. Besonders für Raucher ist diese Methode gut
geeignet, sie wird daher bereits als "Raucher-Check" bezeichnet. Auch
Herzkatheter-Untersuchungen kann man heute durch Computertomographie ersetzen. Dr.
Dörflinger: "Damit machen wir kleinste Kalkablagerungen in den
Herzkranzgefäßen sichtbar. Sie sind Warnzeichen für ein erhöhtes
Infarktrisiko."
aus Intermezzo Ausgabe 09/2000
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