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Artikel aus Intermezzo 9/2000  


Dieser Test rettet Ihr Leben

Krebs! Jeden Tag rafft die bösartigste aller Krankheiten allein in Deutschland (statistisch gesehen) fast 600 Menschen dahin. Alle zweieinhalb Minuten stirbt einer den Krebstod, insgesamt sind das über 218 000 Todesfälle pro Jahr!

Der Grund: Tumore entwickeln sich meist unbemerkt. Wenn aber die ersten Symptome auftreten, ist es oft schon zu spät für eine Heilung. Deshalb ist Vorsorge so wichtig. Doch gerade hier liegt noch vieles im Argen. "Unsere bisherige Früherkennung ist nicht sehr effektiv", sagte sogar der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Prof. Lothar Weißbach (59), auf dem Deutschen Krebskongress im März in Berlin.

Aber: Eine revolutionäre Neuheit bei der Diagnose von Krebs und anderen Krankheiten macht jetzt Hoffnung. "Positronen-Emissions-Tomographie" oder kurz "PET" heißt das neue und besonders schonende Verfahren ohne Röntgenstrahlen, mit dem hauptsächlich Krebsherde und Metastasen, aber auch Herz- und Gehirn-Erkrankungen viel früher und genauer als bisher aufgespürt werden können. PET arbeitet dabei präziser als Röntgen, Computer- und Kemspintomographie zusammen. Ganz entscheidend: Während alle diese herkömmlichen DiagnoseMethoden nur Umrisse, Form und Aussehen eines Tumors abbilden, kann PET erstmals auch Funktion und Stoffwechsel im Gewebe anzeigen. Das war bisher nicht möglich. In ganz Deutschland sind allerdings erst 55 PET-Geräte im Einsatz. Der Münchner Radiologe Dr. Bemd Dörflinger (55) erklärt, wie die neue PET-Technik funktioniert: "Erst spritzen wir dem Patienten eine schwach radioaktiv angereicherte Traubenzucker-Lösung in die Vene. Dann schieben wir ihn auf einem Tisch ganz langsam und schrittweise durch das PET-GErät, das so ähnlich aussieht wie ein herkömmlicher ComputerTomograph. Das PET-Gerät enthält jedoch eine hochempfindliche Positronen-Kamera mit 4000 Messsonden, die den Patienten ringförmig umgeben. Sie messen die schwach radioaktiven Signale aus dem Körper und wandeln sie über einen Hochleistungsrechner in farbige 3-D-Bilder um. Weil Krebszellen einen erhöhten Zuckerstoffwechsel haben, verbrauchen sie mehr Zucker als gesunde Zellen. Deshalb sammeln sich im Tumorgewebe die radioaktiven Zuckermoleküle stärker an. So werden Krebsherde schon ab einer Größe von nur fünf Millimetern im PET deutlich sichtbar. PET kann sogar erkennen, ob es sich um gut- oder bösartige Prozesse handelt."

Die neue Untersuchung ist absolut schmerzlos und ungefährlich. Die ohnehin sehr geringe radioaktive Strahlung zerfällt und ist schon nach 12 Stunden nicht mehr nachweisbar. Die Zuckerlösung wird über die Nieren ausgeschieden. PET-Experte Dörflinger: "Meist werden  nur bestimmte Teilbereiche wie Gehim, Lunge oder Bauch untersucht. Mit PET können wir aber auch den gesamten Mensch vom Scheitel bis zur Sohle durchchecken. Dieses GanzkörperPET dauert dann 90 Minuten." In den USA gehört PET für viele sogar schon zur jährlichen Routineuntersuchung. Diese Vorsorge-Möglichkeit ist in Deutschland jetzt absolut neu, weil die Geräte in den Unikliniken bisher nur für Forschung und Krankenhauspatienten eingesetzt wurden. Das ehemalige Fotomodell Petra Renner (42) aus Düsseldorf war eine der ersten, die sich zur reinen Vorsorge in der Münchner Röntgen-Praxis von Dn Dörflinger zur PET anmeldete: "Ich rauche täglich bis zu zwei Schachteln Zigaretten. Da macht man sich natürlich Gedanken. Nicht nur über Lungenkrebs, sondem auch über die vielen anderen Tumorarten, die durch das Rauchen begünstigt werden. Von amerikanischen Kolleginnen habe ich von der neuen PET-Methode erfahren. Bei Dr. Dörflinger habe ich es jetzt zum ersten Mal selbst gemacht. Es dauerte insgesamt zwei Stunden, war sonst aber völlig harmlos. Die Untersuchung ergab keinerlei Krebsherde. Jetzt bin ich richtig beruhigt, die Reise nach Müneben hat sich gelohnt."

Auch Kaufmann Günter Drescher (58) aus München hat das Ganzkörper-PET schon hinter sich: "Wenn Krebs Symptome verursacht, ist es ja meist schon zu spät. Deshalb gehe ich lieber zur Vorsorge und will dabei von den modernsten Methoden profitieren. Bei mir hat der Arzt auch mit PET nichts gefunden. Das gibt mir Sicherheit. Diese Untersuchung mache ich jetzt jedes Jahr."

Leider ist PET noch teuer. Die Kosten für eine komplette Vorsorge-Untersuchung von gut 2500 Mark (inklusive radioaktiver Traubenzuckerlösung) werden von den gesetzlichen Kassen bisher nicht bezahlt. Allein diese radioaktive Traubenzuckerlösung, die im Uniklinikum hergestellt wird, kostet bereits rund 1 000 Mark. Die gesetzlichen Kassen zahlen jedoch bei Krebspatienten und in ärztlich begründeten Fällen auf Antrag.
Die Investition kann sich aber lohnen. "Zur Zeit gibt es keine bessere Tumorvorsorge als die durch PET", sagt Dr. Dörflinger, der das knapp vier Millionen Mark teure PET-Gerät seit zwei Jahren betreibt. "Wir haben in dieser Zeit jetzt fast 1000 Patienten im Rahmen der Vorsorge mit PET untersucht und bei elf von ihnen tatsächlich einen bis dahin unerkannte Krebs im Frühstadium entdeckt." Alle elf bis dahin symptomfreien Patienten konnten dadurch rechtzeitig operiert und geheilt werden.

Doch auch Krebspatienten mit fortgeschrittenem Tumor profitieren von der neuen Methode. "PET ist die einzige Technik, die befallene Lymphknoten und Metastasen im ganzen Körper aufsparen kann", sagt Dr. Dörflinger. "Wir könnenauch überprüfen, ob eine Krebstherapie Erfolg hat und wie der Tumor darauf anspricht. Und schließlich lässt sich bei Nachkontrollen frühzeitig feststellen, ob ein behandelter oder operierter Krebs erneut auftritt oder nachwächst." Neue Möglichkeiten eröffnet die PET-Technik auch bei anderen Krankheiten:
So liefert die PET-Untersuchung des Herzens bei Infarktgefahr (z. B. bei Angina pectoris) beispielsweise wertvolle Hinweise über das Ausmaß der Erkrankung und ist somit eine wichtige Entscheidungshilfe zur Planung weiterer Untersuchungsmethoden mit Herzkatheter oder einer bevorstehenden Operation. PET zeigt dabei, ob Herzmuskelgewebe unwiederbringlich abgestorben ist oder sich nur in einer Art "Winterschlaf" (nicht mehr durchblutet, aber noch lebensfähig) befindet. Dann hätte eine Aufdehnung verstopfter Herzkranzgefäße oder eine Bypass-Operation mehr Aussicht auf Erfolg.

Gut eignet sich eine PET-UNtersuchung auch bei bestimmten Krankheiten des Gehirns. Bei einem Drittel der Epilepsie-Patienten, deren Leiden mit Medikamenten nur ungenügend eingestellt werden kann, findet sich in der kernspintomographischen Untersuchung kein Hinweis für die Ursache. Hier zeigt die PETUntersuchung bei 60-90 % der Fälle einen Herd, der als Ursprungsort des Epilepsieleidens angesehen werden kann. Außerdem liefert die PET vor einer Hirn-Operation wertvolle Hinweise über die Lage des Herdes und des Sprachzentrums im Gehirn.

Beinahe unverzichtbar ist PET bei der Diagnose von Alzheimer. Denn mit einer PET-UNtersuchung gelingt in 85 % die Unterscheidung zwischen einer Alzheimerschen Krankheit und anderen Erkrankungen, die sich wie eine Demenz äußern können. Damit werden weitere (kosten-)aufwendige Untersuchungen überflüssig. Dr. Dörflinger berichtete von einem älteren Patienten, dessen Arzt nach einer herkömmlichen neurologischen Untersuchung Alzheimer diagnostiziert hatte. Der psychisch verwirrte Patient sollte bereits in ein Pflegeheim eingewiesen werden, da Alzheimer nicht heilbar ist. Eine Angehörige veranlasste trotzdem noch eine moderne PET-Untersuchung. Ergebnis: Der Patient litt nicht an Alzheimer, sondern unter einer Psychose. Er kam in psychiatrische Behandlung, die gut anschlug. Heute kann sich der Patient sogar wieder selbst versorgen. PET hat ihn vor dem Pflegeheim gerettet. Schließlich können mit einer PET-Untersuchung auch alle Entzündungsherde unbekannten Ursprungs gefunden werden, wie z. B. die Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulzerosa. Bei Rundherden in der Lunge zeigt PET beispielsweise, ob ein Tumor oder vielleicht nur eine Lungenentzündung vorliegt. Das erspart diagnostische Eingriffe zur Gewebsentnahme.

Viele dieser Spezialuntersuchungen werden auf Antrag auch von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Dr. Dörflinger: "Zur Zeit gibt es keinen genaueren Suchtest nach Tumoren als durch PET. Vielen Patienten kann eine schonende PET-Untersuchung unnötige Operationen sowie schmerzhafte und risikoreiche Eingriffe ersparen."


aus Intermezzo Ausgabe 09/2000


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